Offener Brief an den Oberbürgermeister

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

im Dezember 2019 werden in Dresden ein 14-Jähriger mit Migrationshintergrund krankenhausreif geprügelt, ein Heim für minderjährige Geflüchtete gewaltsam angegriffen, mehrfach und nicht zuletzt auf dem Theaterplatz menschenverachtende und rassistische Hetze verbreitet, Nazi-Symbole geschmiert und wehrhafte Menschen mit dem Tode bedroht. Am Dienstag gipfelte die rassistische Gewalt in unserer Stadt in einem Angriff auf einen 4-Jährigen Jungen arabischer Herkunft, ein Kind das auf dem Nachhauseweg aus seiner KITA war.

Nach den Ereignissen der letzten Tage in Dresden, möchten wir Sie, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, an Ihre Worte vom 11. Oktober dieses Jahres erinnern. Sie sprachen anlässlich der Mahnwache an der Neuen Synagoge nach dem furchtbaren Anschlag von Halle. „Die Ereignisse in Halle haben weltweit Entsetzen verursacht – auch bei uns in Dresden. Doch bei diesem Entsetzen darf es nicht bleiben. Wir müssen der unschuldigen Opfer gedenken, aber gleichzeitig als Stadtgesellschaft klar Position beziehen. Rassismus und Antisemitismus, ob anonym im Netz oder mit offener, grausamer Gewalt wie in Halle, sind die Hauptfeinde unserer Demokratie. Wir dürfen nach diesem Anschlag nicht zum Alltag übergehen, sondern der Einsatz für die Würde und Unversehrtheit aller Menschen muss unser Alltag sein.“, sagten Sie damals.

Dazu gaben Sie uns allen das Versprechen, sich für eine offene und pluralistische Gesellschaft, frei von menschenverachtender Hetze, einzusetzen und zeigten sich schließlich bei einer Veranstaltung von „Herz statt Hetze“. Wir danken Ihnen für Ihr persönliches Engagement. Allerdings darf es nicht bei Worten bleiben, es müssen Taten folgen. Ihnen unterstellte Behörden, wie die Versammlungsbehörde und die Ausländerbehörde Dresden, erschweren nun schon seit Jahren sowohl die Proteste gegen Hass und Hetze, als auch die Integration unserer neuen Nachbar*innen. Es ist auch dieses Agieren, es sind diese Signale aus der Stadtverwaltung, die die Dresdner Zivilgesellschaft lähmen. In einer Stadt, die Sie zu einer Vorzeigestadt der Integration machen wollen, müssen alle dazu ermutigt werden, sich für Toleranz, Weltoffenheit und Demokratie einzusetzen und Hass und Hetze zu widersprechen.

Wir laden Sie und die gesamte Stadtverwaltung dazu ein, Kontakt mit uns aufzunehmen und uns in unserem täglichen Handeln zu begleiten und zu unterstützen.

In Erwartung Ihrer baldigen Rückmeldung,

 

Erstunterzeichner*innen

Steffi Brachtel | Christopher Colditz | Susann Domschke | Amrei Drechsler | Doerte Drechsler | Udo Forstmann | Margot Gaitzsch | Julia Günther | Monika Hasse | Dr. Dietrich Herrmann | Gabi Jurleit | Rita Kunert | Andrea Mühle | Heike Mühlig-Bekhtaoui | Susanne Schneider | Wolf-Georg Winkler

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